
Erika Mann, SPD MdEU
Angela Ostlender, Brüssel, 10.05.07 - Anders als Ende der neunziger Jahre besteht heute erstmalig die Chance, dass in Deutschland und Europa eine eigene Internetkultur wächst, die es ermöglicht, eine Spitzenstellung in der Kommunikationstechnologie einzunehmen. In einer von der Hans-Seidel-Stiftung (HSS) gemeinsam mit der ITG/VDE (Informationstechnische Gesellschaft im Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik) organisierten Konferenz am 8. Mai 2007 in Brüssel standen daher die Chancen und Herausforderungen eines neuen Umgangs mit dem Internet für Unternehmen, Politik und Forschung im Mittelpunkt. Es galt u.a. zu klären, in welcher Form die Europäische Union und die Mitgliedstaaten aktiv werden müssen, um Forschung und Unternehmen gezielt zu unterstützen. Wirtschaftliche Potenziale des Internetmarktes, Aspekte des Verbraucherschutzes, wie Sicherheit im Internet, waren dabei Gesichtspunkte, die intensiv erörtert wurden.
Moderiert durch Dr. Dieter Klumpp, Direktor der Alcatel-Lucent-Stiftung, Informationstechnische Gesellschaft im VDE (ITG), diskutierten: Dr. João Schwarz Da Silva, Europäische Kommission, GD Informationsgesellschaft und Medien, Direktor Converged Networks and Services; Dr. Götz-Philip Brasche, Programm Direktor des European Microsoft Innovation Center (EMIC); Tim Mertens, Europäische Agentur für Netz- und Informationssicherheit (ENISA), Senior Experte für Beziehungen mit EU-Einrichtungen und Mitgliedstaaten; Dr. Klaus Radermacher, Geschäftsführer T-Systems Multimedia Solutions GmbH sowie Erika Mann, SPD MdEP, Mitglied im Ausschuss für internationalen Handel, Mitglied der European Internet Foundation.
Markus Ferber, MdEP, Vorsitzender der CSU-Europagruppe im Europäischen Parlament und Mitglied des Vorstands der Hanns-Seidel-Stiftung, wies in seiner Begrüßungsrede auf die blitzartige Entwicklung und Ausbreitung des Internets und seine Bedeutung hin. Das Internet solle in der Zukunft noch leistungsfähiger werden, was jedoch Fragen aufwerfe nach den wirtschaftlichen Potenzialen, dem Schutz der Nutzer und der zukünftigen Rolle der Europäischen Union. Prof. Dr.-Ing. Helmut Klausing begrüßte die Teilnehmer als Vorstandsmitglied des VDE, dessen Ziel die intensive Förderung der europäischen Technologieposition in der Elektro- und Informationstechnik ist.

Diskutierten die Zukunft des Internet: Dr. Dieter Klumpp, Alcatel-Lucent/ITG; Erika Mann, MdEP; Dr. Klaus Radermacher, T-Systems; Tim Mertens, ENISA; Dr. Götz-Philip Brasche, Microsoft EMIC und Dr. João Schwarz Da Silva, EU (v.l.n.r.).
Die Unterschiede zwischen der Internetgeneration 2.0 und 3.0 erläuterte Dr. João Schwarz Da Silva. Während beim heutigen Internet 2.0 soziale Kontakte und das Anbieten von Produkten im Vordergrund stehe, werde das Internet der Zukunft zu einem beachtlichen Teil durch die Benutzer mitgestaltet. Man rechnet in den kommenden Jahren mit einem weltweiten Anstieg der Internetnutzer von 1,1 Milliarden auf über 5 Milliarden. Die effiziente Nutzung des Internets von morgen setzte daher intensive Forschung und Entwicklung voraus, erfordere aber auch die Anpassung von wirtschaftlichen, politischen und juristischen Rahmenbedingungen.
Dr. Götz-Phillip Brasche wies darauf hin, dass moderne Internetdienste wie YouTube, Ebay oder Wikipedia zwar allgemein bekannt seien, aber gerade von der älteren Generation nur zögerlich genutzt würden. Web 3.0 stehe u.a. für die Weiterentwicklung der Software-Pakete zu Software-Dienstleistungen. Das heutige Web könne zwar intensiv dynamische Inhalte produzieren, doch seien die Suchmaschinen zu unintelligent. Für die Zukunft des Webs stehe daher die Verarbeitung von Metadaten und die Entwicklung von zusätzlicher Intelligenz im Vordergrund, um dem Computer durch die Verarbeitung von Kontextinformationen das Erkennen von Zusammenhängen zu ermöglichen.
Sicherheit im Netz werde zunehmend als selbstverständlich angenommen, so Tim Mertens. Der Trend zeige allerdings eine Zunahme von Attacken mit kommerziellem Hintergrund, die immer spezifischer auf das schwächste Glied im Netz, d.h. den Endverbraucher und vor allem auch die ältere Generation abgestimmt seien. Kleine und mittlere Unternehmen gehörten ebenfalls zu potentiellen Opfern. Identitätsklau sei laut Mertens in der Zukunft sicher eines der größten Risiken. ENISA müsse daher gezielt die Sensibilität der Internetnutzer für Sicherheitsfragen fördern, damit existierende Schutzmöglichkeiten weiterentwickelt und konsequenter genutzt würden.
Dr. Klaus Radermacher ging auf die spektakuläre Entwicklung des Internets in den letzten zehn Jahren ein und merkte an, dass diese technologische Neuerung auch immense Auswirkungen auf unser soziales und kulturelles Umfeld gehabt habe und durch die anwachsende Vernetzung auch weiterhin haben werde. Die Bevölkerung müsse daher gezielt auf einen korrekten Umgang mit diesem Medium vorbereitet werden und lernen, die unzähligen Informationen aus vielfältigen Quellen zu bewerten. Das Handeln politischer und juristischer Institutionen sei daher stark gefordert.
Als Internetnutzerin der ersten Stunde und Visionärin bezeichnete sich Erika Mann. Das Internet entwickle sich evolutiv, d.h. es gebe keine stufenweisen, sondern fließende Übergänge. Für sie birgt Web 3.0 große Möglichkeiten für die zukünftige Datenanalyse, die beispielsweise auch für die Verbrechensbekämpfung oder Terroristenfahndung nutzbringend sein werden. Die analytische Qualität der Daten würde verbessert, was substantiell auch mehr Sicherheit bringen dürfte. Als Vorbedingung müssten jedoch die Gesetzgebung entsprechend angepasst und Standards im Bereich von Sicherheit und automatischer Bewertungen von Daten gesetzt werden.
Abschließend forderte Dr. Klumpp eine klarere Zielsetzung, um den richtigen Weg in eine erfolgreiche Zukunft einschlagen zu können.
Der VDE:
Der VDE ist der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik, ihrer Wissenschaften, der darauf aufbauenden Technologien und Anwendungen. Das fachliche Spektrum der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (ITG/VDE) reicht von Elektronischen Medien über Dienste und Anwendungen bis zu Technischer Informatik, Mikroelektronik, Hochfrequenztechnik und Mobilfunk. Mit 34.000 Mitgliedern, davon 1.250 Unternehmen, zählt der VDE zu den großen Technologie-Verbänden Europas.
Die Hanns-Seidel-Stiftung:
"Im Dienst von Demokratie, Frieden und Entwicklung" - mit diesem Motto überschreibt die Hanns-Seidel-Stiftung ihre Arbeit und ihren Auftrag. Durch vielfältige Aktivitäten verfolgt die Stiftung ihren Auftrag, gesellschaftspolitische Bildung zu vermitteln, politische Grundlagenarbeit zu leisten und Politikberatung anzubieten. Mit einer eigenen Verbindungsstelle in Brüssel trägt die Hanns-Seidel-Stiftung seit nunmehr 25 Jahren der zentralen Bedeutung Brüssels für die Gestaltung und Entwicklung der Europäischen Union Rechnung. Die Verbindungsstelle Brüssel ist ein wichtiger Ort der Begegnung, des Informations- und Meinungsaustausches und bietet mit ihrem Netzwerk und ihrer langjährigen Erfahrung ein Forum für europapolitische Fragen, das Zielgruppen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft offen steht.